Muttersein á la Française

Hier nur schnell ein paar Beobachtungen darüber, wie ich Mutter-sein in Frankreich erlebt habe. Wir waren grad für n paar Tage da, haben n bißchen Familie getroffen und dann war da noch n Aufenthalt in nem Kinderärztinnen-Wartezimmer. Das ist keine große Stichprobe, aber dennoch:

Im Gespräch mit der Verwandtschaft stellte ich fest, dass alle ein bißchen verblüfft waren, dass ich noch nicht wieder arbeite. Im Gegensatz zu dem deutschen „WAAAAS weniger als 1 Jahr“, hatte ich auf einmal das Gefühl mich rechtfertigen zu müssen, dass ich sooo lange (7,5 Monate nach der Geburt) aussetze. Dass Mütter schnell und voll wieder arbeiten scheint keine Frage zu sein. Das hatte ich auch so schon vorher mal wahrgenommen.

Allerdings spielen die Väter auch in Frankreich keine Rolle bei der Kinderversorgung und/oder – betreuung. Der Mann meiner Cousine bspw. wird bei der anstehenden Geburt des dritten Kindes, wenn es gut läuft, mglw. 2 Wochen freinehmen. Wenn ich erzählt habe, dass mein Mann jetzt bis zum 1. Geburtstag vom Baby zuhause bleibt, fanden die das bestenfalls interessant. Irgendwie hatte ich das Gefühl, als würden wir uns da jetzt n Marotten-mäßigen Luxus leisten, da es keinen Grund gibt, dass das Baby nicht von wem anders betreut wird. Die s.g. „Fremdbetreuung“ hat da auf jeden Fall nicht so nen schlechten Ruf. Da fallen dann auch die Annerkennungsschwangeren Lobeshymmnen für meinen Mann weg, die wir hier kriegen, wenn (endlich) verstanden wird, dass jetzt er sich kümmert. (In dem Zusammenhang: Wenn mal irgendwer so aus dem Häuschen wäre, dass ich mich jetzt n dreiviertel Jahr um nichts anderes gekümmert habe, wäre das auch eine ganz neue Form von – mh – gesellschaftlicher Ankerkennung, aber naja, das ist n anderes Thema).

Der Aufenthalt in dem Wartehzimmer mit einem abwechselnd vor Schmerz brüllenden und erschöpft, wimmernd einschlafenden Baby (Mittelohrentzündungen wurden direkt in der tiefsten Hölle erfunden, das einzige wofür ich in diesem Zusammenhang dankbar bin ist, dass unser erster Verdacht, dass das nämlich der erste Zahn ist und sich dieses Leiden jetzt bei jedem Zahn wiederholen wird, sich nicht bestätigt hat) hat dann noch weitere Beobachtungen erlaubt: Zum Einen: Wartezimmer sind Mütter-Land. Nur zwei Väter gesichtet und die in Begleitung von Kind und Mutter. (Dass in unserem Fall ich da war, lag v.a. daran, dass ich Französisch spreche und der Mann nicht) Zum Anderen: Mütter wissen es immer besser. Während ich versuchte das heulende Baby zu trösten bekam ich derart viele Ratschläge (bishin zu dem Angebot, äh, der Aufforderung: ich möge doch ihr bitte das Baby geben, die hätte eindeutig Koliken und sie würde ihr den Bauch massieren – äh nein), dass ich kurz davor war auszuflippen. Da fand ich die eine Mutter sehr hilfreich, die zu ihrem Baby sagte: „Siehst du, so warst du gestern auch drauf“. Das hilft nämlich zu hören, dass man nicht die die einzige Vollidiotin auf der Welt ist deren Baby mal ungebremst brüllt und Schmerzen hat ohne dass man wirklich was tun kann!

Wie ich dem Wochenbett ein Schnippchen schlug, mich dann die Elternzeit nervte und am Ende das Abstillen frontal erwischte …

Um mich herum waren einige Frauen sehr offen und ehrlich, was ihre Erfahrungen im Wochenbett anging. Und n bisschen was dazu gelesen habe ich hier (Internet) und da (Bücher) auch. So wusste ich noch bevor ich schwanger wurde, dass die ersten Wochen mit einem Baby nicht nur schön sein müssen, sondern, dass das ganz im Gegenteil sehr schlauchen kann und ich mich alleine fühlen könnte oder überfordert oder verzweifelt oder so schlecht, dass Worte fehlen, oder alles auf einmal und noch mehr. Da mir das einleuchtete und ich mich gut genug kenne um zu wissen, dass ich eine gute Kandidatin für sowas bin, habe ich vorgesorgt. Bzw. haben wir vorgesorgt, denn da kam mein Mann ins Spiel. Er hat nach der Geburt gleich zwei Monate Elternzeit genommen und so waren das Baby und ich eigentlich nie alleine in den ersten Wochen. Und das war sooooo gut. Also die ersten Wochen waren nicht immer gut, denn auch wenn eine zweite erwachsene Person da ist, schreit das Baby und du weisst nicht warum. Oder bist du müde, müde, müde. Oder findest du die Ausscheidungen deines Babys ekelig und musst sie trotzdem wegmachen. Oder lässt du das Baby beim Ablegen ein paar Zentimeter fallen, auf ne Kante, und kannst vor schlechtem Gewissen nicht wieder einschlafen auch wenn das Baby schon längst wieder selig schlummert. Oder hast du Angst vor’m Umziehen des Babys weil du die kleinen Fingerchen nicht kaputt machen willst. Oder Angst vor’m Nägel schneiden. Oder. Oder. Oder.

Aber, wenn du dann weinst, ist jemand da und nimmt dich in den Arm. Oder das Baby. Oder beide. Wenn du nicht weisst, was das Baby hat, ratet ihr gemeinsam. Wenn du müde bist, kannst du auch mal schlafen auch wenn das Baby gerade getragen werden will. Wenn du hungrig bist, aber das Baby auf dir schläft, dann macht jemand Essen und füttert dich, auch wenn dann ne Nudel auf dem Babykopf landet. Du bist nämlich nicht allein mit dem Baby. Weil das Baby zwei Eltern hat. Und das ist sooo gut.

Das hat mir Raum und Zeit gegeben, mich von der Geburt zu erholen. Ich musste nicht aufstehen in diesen ersten Wochen. Ich musste nicht einkaufen. Ich musste nicht darauf achten, dass ich immer was zu trinken für mich zur Hand habe. Ich musste nicht ans Telefon gehen. Ich musste keine Pakete entgegen nehmen. Ich konnte heilen und unser Baby kennen lernen. Und das war sooo gut. In diesen ersten Wochen, so finde ich rückblickend, war alles so gut wie es eben sein konnte.

So habe ich, haben wir, dem Wochenbett also ein Schnippchen geschlagen. Und dafür bin ich dem Universum sehr dankbar (insbesondere den Frauen, die so offen waren, und dem Staat, der uns das finanziert hat).

Nach gut zwei Monaten war unsere kuschelige Zeit zu dritt dann aber leider vorbei. Zu meinem großen Erstaunen war ich dann erstmal sehr entspannt mit dem Baby. Eigentlich ist ja entspannt sein mit irgendwas nicht so meins aber da war ich es dann auf einmal. Also, ich fand das natürlich immer noch alles kompliziert und aufwändig. Zum Beispiel dieses im Winter mit nem Baby das Haus verlassen oder dieses Einkäufe und Kind zusammen/nacheinander/wie auch immer in die Wohnung kriegen. Aber ich bin nicht durchgedreht. Also nicht sofort. Denn nach und nach hat sich schon ein gewisser Lagekoller bemerkbar gemacht. Ich war nicht überfordert, sondern unterfordert. Vor allem im Kopf. Jeden Tag Spazieren gehen, Wickeln, Stillen, Supermarkt, Drogerie, Stillen, Wickeln, Spazieren gehen. Da habe ich mich gelangweilt. Und alleine gefühlt. Und habe meinen Mann fies angefaucht für jede Minute, die er später als angekündigt nach Hause kam. Das war eine Phase in der mich die Elternzeit dann doch ziemlich genervt hat.

Aber dagegen konnte ich was tun: Ich habe mit dem Baby einige kleine Reisen gemacht, bin Abends zur Volkhochschule singen gegangen und habe sehr lieben Besuch bekommen. Als meine Aktivitäten angelaufen waren, wurde es dann eigentlich ganz schön. Ich habe mich zwar immer noch sehr auf die Rückkehr zur Arbeit gefreut und es gab Sachen, die ich schwierig fand, aber die Zeit habe ich auch genossen und Spaß mit dem Baby gehabt.

Tjaja und dann haben wir angefangen Brei zu füttern und ich stille seit dem weniger. Und statt dass ich die dadurch gewonnene Freiheit genieße, trifft es mich frontal. Ich bin unglaublich müde. Ich komme überhaupt nicht damit klar, dass das Baby keine Maschine ist (was heißt, dass es an manchen Tagen Brei gut findet und an anderen nicht). Ich mache mir pausenlos Gedanken und Notizen zu Breisorten, Breimengen, Breizeitpunkten. Ich frage sogar Google um Rat. Ich bin rastlos. Ich kontrolliere alles genauer, was mein Mann mit dem Baby macht. Ich achte nicht auf mich, vergesse zu essen. Ich mache mir Sorgen. Worüber kann ich nicht genau sagen. Denn im Großen und Ganzen klappt es Okay. Aber wer weiß? Vielleicht wird das Baby nie „normal“ essen, wenn ich ihr jetzt Möhren und Kartoffeln mit Hilfe von süßem Obst unterjuble? Vielleicht bin ich auch daran schuld, weil ich während Schwangerschaft und Stillen so viel Schokolade und Eis gegessen habe? Vielleicht wird sie nie ohne Muttermilch auskommen und ich werde nie wieder arbeiten gehen können? Vielleicht geht die Welt unter? Vielleicht zerstöre ich durch mein ganzes Gejammer unsere Ehe?

Vermutlich wird das alles nicht eintreten. Und vermutlich machen auch einfach Hormone Abstillen doof. Aber Puh. Spaß macht das nicht.

Aber, dass ich nur noch an fünf weiteren Tagen das Baby hier alleine betüddel und in fünf Wochen wieder arbeiten gehe (was natürlich gehen wird) und dazwischen liebe Menschen treffe und wir unsere erste richtige Reise als neue Kleinfamilie machen werden, sind sehr gute, ich möchte fast sagen Leben-erhaltende Perspektiven.

Und diesen Eintrag an einem lauen Sommerabend mit einem Bier in der offenen Balkontür geschrieben zu haben, macht mich zum ersten mal seit Tagen richtig froh. (Hoffe nur, das ist jetzt nicht nur das Bier gewesen ;-)

Nachtrag:

Ich hatte auch für diesen Eintrag Material im Kopf. Ich habe es nicht gebraucht. Will es euch aber nicht vorenthalten:

Andrea Harmonika schreibt in „Mein Baby ist doof“ über die erste Zeit mit dem Baby und was daran so fies sein kann. Ich war wahnsinnig berührt als ich dieses Artikel das erste Mal las und wenn ich auch vieles nachfühlen kann, kam mir bei der Lektüre das erste Mal in großer Deutlichkeit der hier ausgeführte Gedanke, dass die Offenheit anderer Frauen dazu geführt hat, dass ich mir diesen ganz große Horror ersparen konnte.

Teresa Bücker schreibt für EditionF „Das Beste, was dir passieren kann? Ein Zwischenruf aus dem Leben mit Baby“ über ihre Elternzeit. Es ist ein sehr kluger, vielseitiger Artikel. Mich hat dieser Gedanke am meisten berührt, weil ich mich darin sehr wiedererkannt habe.

Ich bin erschöpft und aber gelangweilt, das niedliche Neugeborene bringt mein Herz zum Platzen und gleichzeitig nervt mich die Leere im Kopf, denn die ersten Wochen mit Baby fordern anders: nicht intellektuell, sondern rein körperlich und emotional. Doch den Kopf auszuschalten gelingt mir nicht. Er hat Hunger.

Zum Abschluss noch zwei Zitate ich aus Emails von einer Freundin. Ihr Baby ist wenig älter als meins, daher können wir uns gut austauschen. Zum Beispiel darüber wie anstrengend ich es finde. Und wie sehr es mich nervt, dass dann auch noch Leute um die Ecke kommen, die mir erzählen, dass ich aber da ein ganz besonderer Fall bin und alle anderen Mütter es supi finden.

Rede übrigens ständig mit lauter Mamas, die alles Scheisse fanden oder finden. Musst Dich also damit abfinden dass Du dieses eine Mal in Deinem Leben nicht von der Norm abweichst :D

Menschen, die Müttern erzählen sie machen was falsch oder ganz anders als anderen, gehören auf den Scheiterhaufen.

Ist die Mama heute Babysitter?

Seit unser Kind sich ankündigte bzw. jetzt da ist, finde ich mich ständig in Gesprächssituationen wieder in denen davon ausgegangen wird, dass ich die Hauptzuständige für Kindbetreueung bin (und ausschließlich sein will) und mein Mann eine nette Ergänzung. Wenig überraschend ärgert mich das. Daher hier einige Überlegungen, was ich in Gesprächen mit angehenden und jungen Vätern gerne sagen und fragen möchte:

„Herzlichen Glückwunsch, ich freu mich für dich“ [nicht für „euch“ auch, wenn ich die (angehende) Mutter gut kenne] „Und wie lange bleibst du zuhause?“

Wenn die Antwort irgendetwas unter 12 Monaten ist: „Mh“ [wissende Pause] „Wart erstmal ab, wenn es soweit ist, willst du bestimmt nicht wieder arbeiten“ oder „Ah, so kurz.“ [irritierte Pause] „Wie, ähm, machst du das dann mit der Betreuung?“

Wenn die Antwort darauf die (angehende) Mutter beinhaltet: „Das ist ja toll, dass das in der Firma deiner Frau geht.“

Und überrascht: „Du fängst dann wieder Vollzeit an?“

Wenn die Antwort auf die Länge der Elternzeit irgendetwas unter 3 Monaten ist, könnte ich auch aus meinem (mega reichhaltigen ;-) Erfahrungsschatz antworten: „Oha, so früh? Das hätte ich nicht über’s Herz gebracht.“

Treffe ich junge Väter an Abenden ohne ihr Kind: „Wo ist denn [Baby-Name] jetzt?“

Wenn die Antwort darauf die Mutter beinhaltet: „Ach, dann ist die Mama heute Babysitter?“.

Blöde, sexistische Rosen

Am 8. März war Internationaler Frauentag oder wie er auch genannt wird Frauen*kampftag. Diejenigen, die diesen Tag eher „Frauen*kampftag“ nennen, nutzen ihn um bei Demos oder Veranstaltungen auf diverseste feministische oder frauenrechtlerische Themen aufmerksam zu machen. Andere nutzen den Tag um Frauen Rosen zu schenken. Diejenigen wiederum, die eher „Frauen*kamptag“ sagen und auch demonstrieren, merken an, dass sie lieber Chancengleichheit, sexuelle Selbstbestimmung, gleiche Löhne und ein Leben frei von sexistischen Vorkommnissen hätten als Rosen. Ich kann mich dem nur anschließen.

Und ich fühlte mich durch die Diskussion an andere Rosen erinnert über die ich mich in der Vergangenheit geärgert habe, nämlich die – wie ich sie nenne – „sexistischen Rosen“. Sexistische Rosen erhällt man, äh pardon erhällt frau und zwar ausschließlich frau, in Restaurants. Und zwar nicht von der Begleitung, die sie einem Rosenverkäufer* abgekauft hat (das hätte ja noch irgendwie den Charme einer romatisch-persönlichen Geste), sondern vom Personal bei Verlassen des Lokals. Es ist dabei vollkommen unerheblich, ob frau Teil einer Gruppe ist oder zu zweit gegessen hat. Ebenso unerheblich ist, wie die Rechnung beglichen wurde, also von ihr, von jeder Person für sich oder von einer anderen Person für die ganze Gruppe. Entscheidend ist nur, dass frau vom Personal als „Frau“ identifiziert wurde. Dann kriegt sie eine – natürlich rote – Rose.

Aber – könnte jetzt eingewandt werden – aber, das ist doch nur nett gemeint. Was ist denn dabei, Rosen sind doch was Schönes. Freu dich doch, dass du eine geschenkt bekommst. „Ja, nö“ sage ich da. Wenn ich eine Rose nur deshalb kriege, weil ich eine Frau bin und abgesehen davon jede Frau in dem Lokal wahllos eine Rose bekommt, dann ist das nicht nett. Dann ist das n blödes Symbol, dass mich als Frau in eine andere Ecke stellt als die mich begleitenden Männer. Diese Rose zieht eine rote Dornenwand hoch. Auf der einen Seite bin ich mit den ganzen anderen süßen, hübschen Röschen. Abgesehen davon, dass ich süß und hübsch bin, muss ich nicht viel machen. Machen im Sinne von aggieren, das bleibt nämlich den Männern in der anderen Ecke vorbehalten. Was natürlich Unfug ist. Es wäre doch viel toller, wenn sich alle ganz frei im Raum bewegen dürften und nicht in irgendwelche Ecken geschickt würden. Könnte sein, dass sich dann trotzdem in der einen Ecke mehr ‚Frauen‘ tummel. Aber wenn eine da nicht hin will, dann wird sie nicht mit ner blöden, sexistischen Rose zurück gescheucht und wenn ein ‚Mann‘ in der süßen, hübschen Ecke Sekt schlürfen will statt zu kämpfen und die Welt zu retten, dann fehlt ihm nicht die rosige Eintrittskarte.

Weniger blumig (Hahaha) ausgedrückt: Ich ärgere mich über die Restaurant-Rosen, weil sie einen eigentlich gar nicht so großen Unterschied – nämlich den zwischen ‚Frauen‘ und ‚Männern‘ – betonen und dadurch vergrößern, womit sie wiederum stereotypes Verhalten und stereotypenhafte Bewertungen verstärken. So wie Mädchen in Mathe-Tests schlechter abschneiden, wenn sie vorher ankreuzen müssen, dass sie Mädchen sind (siehe hier: 8. Absatz), so handeln Frauen, die im Lokal eine blöde, sexistische Rose bekommen haben, im weiteren Verlauf des Abends vielleicht weniger selbstbestimmt und aktiv. Und das wäre doch ganz schön blöd.

*theoretisch könnte es vermutlich auch Rosenverkäuferinnen geben, gesehen habe ich tatsächlich noch keine.

Kommentar zum Text zu kultureller Aneignung und Alltagsrassismus bei Indianerkostümen

Vor ein paar Tagen ist mir der Text mit dem Titel „Kulturelle Aneignung und Alltagsrassismus im Fasching: warum ich meinen Kindern keine Indianerkostüme nähe.“ begegnet. Das Thema war mir nicht ganz neu, aber ich war sehr froh, einer so sorgfältigen und freundlichen Aufbereitung des Themas zu begegnen. Kurz gesagt, geht es darum, dass bei dem Motiv/Thema/Begriff „Indianer“ soviel kulturelle Aneignung und (Alltags)rassismus im Spiel sind, dass Kinder (und auch Erwachsene natürlich) sich nicht als „Indianer“ verkleiden sollten. Lang gesagt steht es im Text ;-) Auf diesen Text gab es haufenweise Kommentare, auch sehr viele, sehr unsachliche (siehe auch Die Sache mit den Indianerkostümen – Nachwort) daher sind die Kommentare da inzwischen geschlossen, was ich ebenso schade wie verständlich finde. Schade, weil ich darüber viel nachgedacht habe und da eigentlich auch noch kommentieren wollte.

Nun denn, dann eben hier.

Irgendwo in den Kommentaren schrieb da jemand sinngemäß „aber heißt das denn jetzt, dass ein Junge sich nicht als Mädchen verkleiden darf, weil Mädchen auch eine marginalisierte Gruppe sind?“. Darauf möchte ich antworten (auch auf die Gefahr hin, dass das vielleicht schon jemand anderes in den weiter unten stehenden Kommentaren getan hat, die ich nicht mehr alle gelesen habe), weil mir dieses Beispiel sehr dabei geholfen hat, das Problem zu fassen – ganz einfach, weil der Themenkomplex Sexismus mir geläufiger ist als Rassismus.

Ich finde, ja, ein Junge sollte sich nicht als „Mädchen“ verkleiden. Gerne als ein bestimmtes Mädchen (also beispielsweise Hermione Granger, Pippi Langstrumpf, Prinzessin Lillifee oder was weiß ich) aber eben nicht als „Mädchen“. Denn was auch immer da als Kostüm gewählt werden würde, kann nie und nimmer auch nur ansansatzweise der Vielfalt dessen gerecht werden, wie Mädchen sind und sein dürfen sollten. Im Gegenteil, das Kostüm wird immer schädliche, weil einschränkende, Stereotype verstärken. Möchte ein Junge gerne anlässlich Karnevals ein rosa Kleid und Glitzerschuhe anziehen? Von mir aus gerne, aber dann darf es doch bitte nicht heißen, dass er als „Mädchen“ geht. Das kann dann doch auch als Kostüm für „eine Tänzerin“ oder „eine feine Dame“ oder eben genannte Prinzessin Lillifee bezeichnet werden.

Wenn nämlich akzeptiert wird, dass rosa Kleid + Glitzerschuhe = Mädchen ist, was sind dann weibliche* Kinder, die Hosen und Stiefel anhaben? Keine Mädchen? Halbe Mädchen? Schlechte Mädchen? Und was sind männliche* Kinder, die auch im Alltag mal ein rosa Kleid und/oder Glitzerschuhe anziehen wollen? Mädchen? Keine Jungen? Falsche Jungen? Genau. Das ist doch so sehr 20. Jahrhundert, das können wir doch nicht mehr wollen.

* weiblich und männlich sind natürlich ohnehin schwierige Kategorien.

Sexismus in (Krimi-)Filmen erkennen

Serien und Filme prägen das Bild, das wir von der Welt haben. Damit prägen sie dann auch die Welt ansich, beispielsweise indem sie unser Bild davon, was normal und richtig ist, beeinflussen woran wir dann wiederum unser Handeln zumindest teilweise ausrichten. Daher sind sexistische Filme und Serien nicht nur ärgerlich sondern ein weiterer Baustein mit dem sich die sexistische Gesellschaft in der wir leben am Leben hält bzw. selbst reinigt. Tragischerweise sind sehr, sehr viele Filme und Serien, die ausgestrahlt werden oder im Kino zu sehen sind, auf die eine oder andere Art sexistisch. Wir haben uns so daran gewöhnt, das es oft gar nicht mehr auffällt. Selbstverständlich bin ich nicht die Erste, die diesen Gedanken hatte.*

Eine Methode mit der dem filmischen Sexismus zu Leibe gerückt werden kann, bzw. mit der er zumindest sichtbar gemacht werden kann ist der Bechdel Test. Beim Bechdel Test stelle frau_man sich zu einem gesehen Film, einer Serienepisode die folgenden drei Fragen:

  1. Gibt es mindestens zwei Frauen mit Namen?
  2. Führen sie miteinnander ein Gespräch?
  3. Über etwas anderes als einen Mann?

(Infos zum Bechdel Test und ein paar weiterführende Links hat u.a. Anke Gröner zusammengetragen)

In den allermeisten Fällen scheitert es bei Dingen, die ich so schaue (und nicht explizit feministisch ausgewählt habe), bei der zweiten spätestens bei der dritten Frage. Ich wende den Bechdel-Test inzwischen auf alles an, was ich so schaue. Dabei stelle ich fest, dass er nicht Sexismus per se misst, sondern nur eine Spielart von Sexismus, nämlich (Unter)Repräsentanz handelnder weiblicher Figuren. So ist beispielsweise ein Film denkbar in dem zwei Frauen sich non-stop über Nagellack und Wäschefalten unterhalten, während sie geduldig, n bissl naiv und passiv darauf warten, dass ein Mann sie aus einer ausweglosen Situation rettet aus der sie sich, in einem weniger stereotyp dargestellten Szenario, auch selber befreien könnten. Dieser Film würde den Bechdel Test bestehen. Ich fänd ihn trotzdem sexistisch, weil er ein eingeschränktes, passives Bild von Frauen und zeitgleich ein aktives, starkes Männerbild transportiert.

Dadurch, dass ich sehr viele Krimis schaue (Tatort und Sokos) bin ich darauf gekommen, dass der Bechdel Test als (Unter-)Repräsentanzmesslatte in diesem Umfeld auch nur bedingt funktioniert. Zum Bestehen des Tests bräuchte es schon ein rein weibliches Ermittlungsteam, das in einem Fall ermittelt in dem es nur weibliche Opfer, Zeuginnen und weibliche Tatverdächtige bzw. Täterinnen gibt. Das wird dem Genre „vermeintlich relatischer Krimi, der in einer der unseren sehr ähnlichen Welt spielt“ natürlich nicht gerecht. Allerdings gibt es genug Krimis mit einem rein männlichen Entwicklungsteam, das in einem Fall ermittelt in dem es nur männliche Zeugen und Tatverdächtige gibt. Dass das Opfer dann dennoch oft weiblich ist (und jung und schön) macht es nicht weniger sexistisch – ganz im Gegenteil. Während der Bechdel Test also v.a. als (Unter-)Repräsentanzmesslatte für Filme und Serien im privaten Umfeld (Romantische Komödien bspw. oder so) funkltioniert, braucht es für Krimis andere Methoden – und vermutlich für andere Filme, die in einem beruflichen Umfeld spielen, auch. Eine tatsächliche Methode habe ich jetzt nicht entwickelt aber was ich mache ist mir u.a. die folgenden Fragen zu stellen:

  • Gibt es genauso viele weiblich wie männlich dargestellte Ermittler_innen?
  • Wie stehen sie hierarchisch zueinander?
  • Wenn sie zusammen agieren: Wie sieht es mit den Redeanteilen aus? Wer darf wieviel sagen? Wer darf was machen?
  • Wenn sie getrennt agieren: Werden Aktionen von allen gezeigt oder wird bei einigen nur davon berichtet, dass sie dieses oder jenes gemacht/herausgefunden haben?
  • Wie sieht es mit den Menschen drumherum aus (Polizistinn_en am Tatort, Kolleginn_en von Tatverdächtigen, anderen Kund_innen in Geschäften etc.)? Wie ist hier die männlich/weiblich Verteilung? Wer darf was sagen?

Und dann ist da noch die Handlung selber, also beim Krimi „der Fall“, der ja auch oft sexistische Stereotype reproduziert. Und da sind die Produktionsbedingungen von Filmen und Serien und „das Business“ als Ganzes, verbunden mit der Frage, ob da Frauen mitmachen dürfen und als was. Aber das führt für diesen Beitrag, der schon so lange auf Fertigstellung wartet, jetzt zu weit.

Ich fasse zusammen: Ob ein Film sexistisch ist, hängt von mehr als drei oder mehr Testfragen ab. Aber um sich bewusst zu machen, wie tief das Problem sitzt, sind Testfragen ein einfacher, bequemer Einstieg. Problem ist nur: Einmal damit angefangen, ärgert man_frau sich über ziemlich viel …

* Für die, die Weiterlesen wollen zum Thema „Sexistisches in Film und Serien“:

Ein (etwas) älterer Artikel bei der Mädchenmannschaft

Eine Oscar-Nominierungs-Zustandsbeschreibung auf Filmfrauen.net. Diese Seite habe ich gerade erst bei der Recherche entdeckt und es finden sich hier auch viele weitere Texte zum Thema.

Irgendwo hatte ich auch mal gelesen, dass in (deutschen, amarikanischen und französischen(??)) Filmen deutlich häufiger Beziehungen gezeigt werden in denen er arbeiten geht, während sie daheim bleibt als diese Arbeitsaufteilung in den jeweiligen Ländern tatsächlich vorliegt. Aber diesen Text finde ich gerade nicht wieder.

Zum Abschluss noch ein paar Tweets, die in den letzten Wochen dazu in meiner Timeline gelandet sind. Taugen vielleicht auch als Gedankenanstöße:

Tweet_Women with agency

Tweets_Sexismus Film